Anja Ross
Zwischen zwei Zeitströmen. Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in den autobiographischen Büchern von Rudolf Stibill
(Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 415) XIV + 444 S., 2 Handschriften-Faksimiles, kt. € 34,–. Akademischer Verlag, Stuttgart 2003
Im vergangenen Winter erschien im Akademischen Verlag Stuttgart die erste Dissertation, die sich mit dem Werk des 1995 verstorbenen Dichters Rudolf Stibill beschäftigt, der jahrzehntelang das kulturelle Gesicht der Freien Waldorfschule Rendsburg prägte. Nachdem er in seiner steirischen Heimat seit Sommer 1945 zu den angesehensten jungen Autoren zählte, entschied sich Stibill 1955 für den Lehrerberuf. Er ging von Graz, wo jeder den erfolgreichen Autor kannte, nach Schleswig-Holstein – dort war er völlig unbekannt – und begann im März desselben Jahres seine Tätigkeit an der jungen Rendsburger Schule. Bis 1988 unterrichtete der gebildete, weltoffene und sensible Künstler Deutsch, Kunst- und Kulturgeschichte sowie Musik.
Die Arbeit der Kieler Germanistin Anja Ross, die selber Stibills Schülerin war, behandelt vornehmlich das Verhältnis der Darstellung der Grazer Jugendjahre (in denen der Dichter sein Dichtertum errang) in seinen zwei autobiographischen Büchern (»Stimmen des Ungewissen«, 1992, und »Atemwaage«, posthum 1995, beide erschienen bei Styria in Graz) zur tatsächlichen Biographie. Sein Erleben der Jahre bis zum Sommer 1945, die Bilder und Motive, die zum Entstehen der ersten Dichtungen führen, aber auch die Reflexion darüber aus der Distanz von Jahrzehnten, fließen auf ganz eigene Weise humorvoll und geformt zu tiefer, poetischer Prosa in den Entwicklungsroman, als welchen man diese zwei Bücher auch lesen kann. – Die Dissertation geht in der Werk- und Wirkungsgeschichte chronologisch vor; auf die Betrachtung der allerersten publizistischen Wirksamkeit (vor allem: Lyrik) folgen Interpretationen zweier großer Gedichtzyklen (»Die alten Bilder im Dom zu Gurk«, »Die Allerheiligenhöfe«, 1946/47). Das lebendige dichterische Umgehen mit inneren Bildern und das Aufnehmen von lange fortwirkenden Motiven sowie die Bezüge zur späten autobiographischen Prosa werden in Ross’ Darstellung greifbar, die Korrespondenz mit wichtigen Dichterkollegen (H. Kasack, F. Braun, Chr. Lavant) wird berührt. Nachvollziehbar wird schließlich der Wechsel in die Pädagogik, die man bei Stibill mit Fug und Recht als erweiterte Kunstform bezeichnen kann. In Rendsburg wird er u.a. Kollege von K.-H. Lampe, E.-M. Kranich und Werner Rauer.
Stibills poetische Produktion verlagerte sich seit dem Weggang von Graz, wo er zuletzt viel für den Kinderrundfunk gearbeitet hatte, hin zur kürzeren Prosa. In den ersten Rendsburger Jahren werden noch zwei Bücher veröffentlicht, zwischen 1958 und 1992 erscheinen dann nur zwei Werke. Zu Ernst Weißert, der den 30-Jährigen nach Rendsburg vermittelt hatte, blieb der Kontakt bestehen: An der Stuttgarter Waldorfschule gibt Stibill immer wieder Gast-Epochen, vereinzelt druckt die »Erziehungskunst« etwas von ihm. Die meisten Texte aus der Zeit der Lehrertätigkeit, vor allem die weiterhin für den ORF geschriebenen Kinder-»Funkerzählungen«, Gedichte und Geschichten, blieben größtenteils ungedruckt.
Im Buch von Anja Ross gibt es über die Person Rudolf Stibill und sein Werk hinaus vieles zu entdecken, was allgemeines Interesse verdient; so die Betrachtungen zur Zeitzeugenschaft während des Nationalsozialismus, zum Dichterdasein, zum Literaturbetrieb der 50er- und 60er Jahre, zum Erleben des Todes nahestehender Menschen und nicht zuletzt zur Wahrnehmung der Welt aus der Kinderperspektive. Stibills ganz individuelle Aneignung der anthroposophischen Menschen- und Jugendkunde kann jedem Pädagogen wichtige Anregungen geben; nicht zuletzt darum sei das Buch wärmstens empfohlen. – Eine Zeittafel zu Leben und Werk, ein kurz vor seinem Tod mit Stibill geführtes Interview und eine umfangreiche Bibliographie, die außer Stibills eigenen Veröffentlichungen u.a. auch Rezensionen seiner Werke aufführt, beschließen den lesenswerten Band.
Die Rudolf Stibill-Gesellschaft in Rendsburg pflegt das Andenken an den Dichter-Lehrer und verwaltet den Nachlass. Auf der homepage (www.stibill.de) werden allfällige Veranstaltungen zu den bevorstehenden Jubiläen (80. Geburtstag am 30. Juli, 10. Todestag) angekündigt.
Hans-Jürgen Bracker
Zurück zu Hauptseite-Titel Hauptseite-Rezensenten